Samstag, 11. März 2017

"Warum machst du das eigentlich?"


Dieser Blog ist umgezogen zu blog.baukje.de und wird hier nicht mehr weiter aktualisiert. Ich freue mich, euch auf meiner neuen Website wieder zu sehen. Viele Grüße Baukje


Mein eigener Bezug zum Bedingungslosen Grundeinkommen ist die Existenzangst. Sowohl mein Vater als auch mein Ex-Mann haben als Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni gearbeitet, mit kurzfristig befristeten Verträgen und ständiger Existenzangst im Nacken. Jede Urlaubsplanung, jede Aufgabenverteilung unter Kollegen, Zusammenarbeit mit externen Unternehmen für Drittmittel, alles wurde von dem Gedanken an die nächste Vertragsverlängerung beeinflusst. Das ist nicht nur schädlich für die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit und Lehre. Es ist auch ein schleichendes Gift für die Familien der Wissenschaftler. Viele Kollegen zögern die Familiengründung deswegen hinaus. Wenn man es trotzdem versucht, stehen auch noch die innerfamiliäre Aufgabenverteilung und das Beziehungsklima unter dem Stern der Existenzangst. Dem ist sowohl die Ehe meiner Eltern als auch meine eigene zum Opfer gefallen. 

Auch als alleinerziehende Mutter fragt man sich in so manch schlafloser Nacht, wie sehr ein Grundeinkommen die eigene Situation verändern würde. Wie es wäre, wenn man nicht mehr ständig entscheiden müsste, ob für Kinder nun eigentlich ausreichend Geld oder ausreichend Zeit wichtiger ist. Denn beides gleichzeitig ist normalerweise nicht zu haben. Habt ihr schon mal versucht, in einer Großstadt einen Vermieter zu finden, der bei den Worten „alleine“ und „Kinder“ nicht gleich die Tür wieder zu macht? Oder einen Chef um einen Teilzeitstelle gebeten, der schon bei der Schwangerschaft es sich nicht hatte nehmen lassen, an das „Herzlichen Glückwunsch“ direkt ein „aber schon schade um Ihre Karriere“ zu hängen? Außer einem Grundeinkommen würden auch Wohneigentum und Selbständigkeit dabei helfen, aber kaum jemandem steht das zur Verfügung. 

Nun bin ich also so verrückt und wende als berufstätige alleinerziehende Mutter Zeit und Geld auf, um mich für das Grundeinkommen zu engagieren. Und dafür gibt es neben meinen eigenen noch viele weitere Gründe. Einige davon habe ich in meinem Blog aufgeführt, aber der ist inzwischen so umfangreich geworden, dass man damit ein ganzes Buch füllen könnte. Einen davon möchte ich an dieser Stelle genauer ausführen. Und das sind meine Patienten. Bis Ende Januar war ich angestellt in einer Praxis, demnächst steht die Prüfung an zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Außerdem bin ich am Ende meiner Weiterbildung zur ärztlichen Psychotherapeutin. In beiden Bereichen begegnen mir ständig Patienten mit medizinischen Problemen, die eigentlich gesellschaftliche Ursachen haben.

Jeden Tag aufs Neue habe ich Menschen in der Sprechstunde, deren Therapie eigentlich das Grundeinkommen wäre. Dann könnte sich der Fliesenleger mit den kaputten Knieen trotz Familie einen beruflichen Neuanfang leisten. Die ein oder andere Abtreibung würde sich erübrigen, weil die Angst vor der Armut der ausschlaggebende Punkt war. Der hochbegabte Schul-Abbrecher, der sich vor Langeweile in Gelegenheitsjobs den Verstand weg-kifft, könnte Schulabschluss und Studium nachholen. Die alleinerziehende depressive Mutter könnte eine dringend erforderliche stationäre Therapie machen, ohne währenddessen obdachlos zu werden. Der Mann mit den Schlafstörungen, der seit 10 Jahren nachts im Paketdienst arbeitet, könnte sein Diplom aus dem Ausland anerkennen lassen. Und die Frau, die seit Jahren von ihrem Mann verprügelt wird, wüsste, wovon sie leben könnte, wenn sie ihn endlich verlässt. Wer jetzt einwenden möchte, dass wir doch bereits ein funktionierendes Sozialsystem hätten, der möge sich doch bitte mit den tatsächlichen Begebenheiten in Jobcenter & Co. auseinander setzen. Mir sind all diese Menschen nicht egal und auch deswegen setze ich mich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein. 

Über den richtigen Weg zum BGE kann man sich vortrefflich streiten. Ich habe mich entschieden, mich dem Bündnis Grundeinkommen anzuschließen und als Partei zu versuchen, das Thema sowohl in die breite Debatte in der Bevölkerung zu bringen als auch in die Politik im Bundestag.

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