Mittwoch, 8. Februar 2017

Antwort auf "Süßes Gift"


Dieser Blog ist umgezogen zu blog.baukje.de und wird hier nicht mehr weiter aktualisiert. Ich freue mich, euch auf meiner neuen Website wieder zu sehen. Viele Grüße Baukje



Sehr geehrte Frau Hassel,
Sie beschreiben in Ihrem Artikel sehr schön anschaulich die Vorteile des Bedingungslosen Grundeinkommens. Doch leider argumentieren Sie damit, es sei trotz allem eine Sackgasse. Deswegen möchte ich kurz auf Ihre Kritikpunkte eingehen:

1. Sie beschreiben, dass es gut sei, für die sogenannte Mittelschicht, sich frei entfalten zu können. Dem stimme ich zu. Warum das allerdings nur für die Mittelschicht gelten solle, erschließt sich mir nicht. Der Punkt, dass junge Menschen „aus der benachteiligten Hälfte der Gesellschaft“, wie Sie sie nennen, weniger motiviert seien, etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen, zeugt von elitärer  Überheblichkeit sondergleichen. Intrinsische Motivation ist psychologisch gut belegt, und zwar für ALLE Menschen. Die Effekte, die Sie vielleicht meinen und heutzutage leider zu beobachten sind, beruhen wohl eher darauf, dass viele aktiv davon abgehalten werden, sich selbst zu verwirklichen. Durch Drangsalierungen des Jobcenters, durch ungerechte Behandlung in den Schulen und auf dem Arbeitsmarkt und, ja auch das, auch durch schlechte Vorbilder. Ein Grundeinkommen hingegen würde Kinderarmut reduzieren, die Bildungschancen damit für alle verbessern und auch eine längere Ausbildung/Studium für die ermöglichen die keinen finanziellen Background vom Elternhaus haben.

2. Sie sprechen dem Bedingungslosen Grundeinkommen die Gesellschaftliche Legitimation ab. Das würde ich die Bevölkerung lieber selbst entscheiden lassen. Ihrer Meinung nach ließe es sich mit dem Gerechtigkeitssinn der Mitte nicht vereinbaren, obwohl das ja genau die sind, die Ihrer Meinung nach davon am meisten profitieren (s. Argument 1). Widersprechen Sie sich da nicht vor allem selbst? Wie viel Umverteilung wir wollen und wie ein Grundeinkommen finanziert würde, sind wichtige Fragen, die gestellt werden müssen. Klar sollte sein, dass es prinzipiell ginge und eben eine Frage der politischen Willensbildung ist. Das vorab über die Köpfe hinweg schon sagen zu wollen, empfinde ich ebenfalls als sehr von oben herab. Aus meiner Sicht profitieren alle von einer gesünderen und gerechten Gesellschaft, allein schon, weil es schöner ist darin zu leben. Aber es gibt natürlich noch viel mehr Gründe und auch dafür sind viele der Menschen, mit denen ich gesprochen habe aufgeschlossen. Das Ideal eines frei denkenden Bürgers, dessen Existenz in Zeiten des Überflusses nicht wirklich bedroht sein müsste, ist trotz vielen Jahren Neoliberaler Wirtschaftspolitik noch nicht ganz abhandengekommen. 

3. Eine Zuwandungsgesellschaft von der ich mir wünschen würde, dass wir es immer mehr werden, braucht Integration. Auch darin stimme ich Ihnen zu. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass das Gegenteil von Erwerbsarbeit nicht zwingend zuhause bleiben ist. Die meisten Geflüchteten hingegen suchen händeringend nach sinnvollen Aufgaben und Kontakt, obwohl sie (erstmal) nicht Erwerbsarbeiten dürfen, nach heutigem Stand des Gesetzes. Mit einem Grundeinkommen gäbe es viel mehr Möglichkeiten und Freiräume, sich außerhalb des klassischen Erwerbslebens zusammen zu tun, zu engagieren und auch zu integrieren. Die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen profitieren eigentlich immer davon, wenn sie von gegenseitigem Konkurrenzdruck um einen Arbeitsplatz befreit werden. 

4. Auch Sie wünschen sich eine Debatte um eine gute Gesellschaft und darum, wie Arbeit in der Zukunft bewertet werden kann, abseits der Einteilung in Erwerbs- und notwendiger nicht honorierter Arbeit. Die Fragen, wie mit zunehmender Automatisierung und Digitalisierung umgegangen werden soll bei gleichzeitigem Anstieg des Bedarfs in der un- oder unter-bezahlten Care-Arbeit bleiben von Ihnen an dieser Stelle leider unbeantwortet. Meine Antwort drauf ist das Bedingungslose Grundeinkommen. Was damit wirklich alles passiert, kann keiner Vorhersagen. Aber wir sollten es wenigstens probieren.

Kommentare:

  1. Sehr geehrte Frau Dobberstein,
    herzlichen Dank für Ihre Zuschrift. Ich halte Ihre Argumente für bedenkenswert und glaube, dass man darüber streiten kann und muss. Die Bevölkerung wählt bei jeder Wahl mit großer Mehrheit Parteien, die nicht für das BGE eintreten. Ob Integration ohne Erwerbstätigkeit gelingt, da wäre ich skeptisch.

    Ich verwahre mich jedoch ausdrücklich gegen den Vorwurf der elitären Überheblichkeit. Ich lebe in dieser Gesellschaft genau wie Sie und habe Zugang zu anderen Menschen. Ich habe Kinder und lange mit jungen Menschen gearbeitet. Es ist völlig unbenommen, dass Menschen, die nicht erwerbstätig sind, ein sinnvolles Leben führen. Warum auch nicht. Es geht hier nicht um intrinsische Motivation sondern darum, ob jungen Menschen die Orientierung an Erwerbsarbeit, die in unserer Gesellschaft die einzige Möglichkeit sozialer Mobilität außer dem Glücksspiel ist, eher genommen wird oder nicht. Das ist nicht überheblich sondern eine ernsthafte Überlegung. Als elitär und überheblich empfinde ich es, wenn sehr reiche Menschen für ein BGE plädieren, weil sie davon ausgehen, dass man die Arbeitswelt nicht gerecht organisieren kann oder will. Aber selbst darüber würde ich eher mit ihnen diskutieren und sie nicht diffamieren.

    Mit freundlichem Gruß

    Anke Hassel

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für Ihre Antwort Frau Hassel,
      Ich habe es in Ihrem Text als stellenweise überheblich empfunden und deswegen auch so formuliert. Es war nicht mein Ziel Sie persönlich zu diffamieren. Wenn Sie es nicht als von oben herab gemeint haben, bin ich gerne bereit mit Ihnen darüber zu diskutieren, wie man die soziale Durchlässigkeit in der Gesellschaft verbessern kann. Im Moment sehe ich eine sehr leichte und zuweilen extrem schnelle Durchlässigkeit nach unten und eine kaum zu realisierende nach oben. Im BGE sehe ich diesbezüglich eher Chancen als Risiken. Neben vielen weiteren Vorteilen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Baukje

      Löschen
    2. "Eine Zuwandungsgesellschaft von der ich mir wünschen würde, dass wir es immer mehr werden"
      Meinen Sie das wirklich ernst?
      Deutschland ist ein weltoffenes Land, wir haben seit Jahrzehnten Zuwanderung; das wird es auch in Zukunft geben.
      Aber "noch mehr Zuwanderungsgesellschaft"?
      Das ist für mich ehrlich gesagt nicht nachvollziehbar.

      Löschen
  2. Sehr geehrte Frau Hassel,
    sehr geehrte Frau Dobbermann,
    was mir in der Diskussion auffällt es geht um Liebe und Angst.
    Unsere Gesellschaft ist wie jede Gesellschaft durch Regeln geprägt.
    Unsere Gesellschaft hat sich äußerlich der Vernunft verschrieben, ohne
    das uns bewusst ist, alleine die Vernunft berührt uns nicht sondern erzeugt
    in uns eine Apfelpflückgesellschaft. Und genau das kann Angst erzeugen, wenn wir das Gefühl entwickeln, wir kommen zu kurz. Also platt, wenn ich etwas Haben will und es nicht KRIEGE doch sehe das es der andere KRIEGT kann es sein, dass sich aus diese Angst KRIEGE entwickeln. Und jetzt sind die vielen jungen Menschen in unser Land gekommen mit KRIEGS-Erfahrung. Sie sind z.g.T. wie wir erzogen worden durch Belohnung und Bestrafung und so versuchen auch sie belohnt zu werden, und da besteht die Gefahr, dass sie nicht daran arbeiten, sich mit dem wie sie leben sich selbst zu belohnen, sondern wie auch wir das erwarten. Und hier liegt ein Schlüssel. Wenn es uns gelingt mit ihnen zusammen zu erkennen, wir sind Menschen, die in drei Bereichen ihren Mangel klären müssen, damit wir auf Augenhöhe respektvoll miteinander umgehen können, haben wir ein Grundstock für eine Potentialentfaltung erreicht.Die drei Bereiche sind Beziehung, Ernährung und Geld. Da ich jetzt 74 Jahre alt bin und eine Arthrose hatte, und mir bewusst wurde, dass das nicht nur ich habe, sondern sehr viele Menschen habe ich mit Hilfe der Ansichten von 40.000 Menschen in Selbsthilfegruppen meine Arthrose erlöst. Und dass weil ich mich vorher völlig falsch ernährt habe, und dabei auf Werbungen hereingefallen bin, die mir etwas angeboten hat, was meinem Körper schädigt. Hinweis ARTHROSE DER WEG ZU SELBSTHEILUNG in der 16. Auflage von Eckhard K. Fisseler. Diese Selbsthilfegruppen haben mir gezeigt, wie wichtig ein BGE ist, denn erst dann kann ich Informationen vertrauen, mit denen ich mich erweitern kann. Gruppierungen die durch ein BGE einen Nachteil verspüren werden alle Argumente finden um das BGE zu verhindern.Weil sie es für sich nicht als Belohnung erleben. Solange ich jedoch im Geldsystem sehe, es erzeugt Mangel, weil jeder Geldschein automatisch durch das System ein Schuldschein ist, erhält dieses System uns solange getrennt, wenn wir Vorteile wollen, die dann die anderen in Schulden bringen. Das ist unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Somit dürfen wir uns unsere Beziehungen anschauen. Wie ehrlich gehen wir miteinander um? Sagen wir dem anderen was wir denken, respektvoll und mit Mitgefühl, oder suchen wir den Vorteil und wollen ihn von etwas überzeugen, was uns bereichert ihn jedoch möglicherweise schädigt? Oder leben wir nach dem Muster der Warenbeziehung, GIBST DU MIR DAS- BEKOMMST DU DAS von mir? Das BGE kann das dann entflechten, wenn wir wieder in unser Tun kommen, was uns als Kinder noch fasziniert hat, was wir selbst mit uns und durch abschauen erreicht haben, wie z.B. unser Laufen können. Das BGE hatten wir in diesem Alter noch, und so hatten einige die Möglichkeit ohne Belohnung und Bestrafung mehr Talente in sich zu entwickeln. So weit erst einmal. Als Aregung dazu empfehle ich Gerald Hüther der durch seine Erkenntnisse in der Neurobiologie und Gehirnforschung zeigt, was wir wie tun können, um unsere Angst in Liebe füreinander zu verwandeln. http://www.grundeinkommen.ch/neurobiologe-beschreibt-aspekte-der-generation-grundeinkommen/

    AntwortenLöschen
  3. Bin ebenfalls schon lange mit der Idee einer bedingungslosen Existenzsicherung unterwegs und freue mich hier sehr viele gute Gedanken und Argumente zu entdecken, die mir weiter helfen die BGE-Vision weiter zu tragen.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Baukje,

    Du hast sehr recht mit der intrinsischen Motivation!!! Damit steht und fällt alles und das BGE ist die Möglichkeit in diese intrinsische Motivation zu kommen! Jeder, und ich meine damit wirklich jeder,hat im Grunde seine Seins das Bedürfnis nach Ausdruck oder Beschäftigung, wenn alles paßt! Das sehe ich auch bei mir in der Ergotherapie einer Psych-Reha, wo die Menschen, vorallem mit Burnout, 6 Wochen sind und an einem Therapieprogramm teilnehmen. Bei mir muss niemand etwas tun, er darf. Manchmal dauert es bis zur letzten Einheit, dass jemand eine intrinsische Motivation verspürt, etwas zu tun. Diese Erfahrung ist 100 mal nachhaltiger, als jeglicher Zwang durch AMS oder Existenzangst!!! Allein durch diese Erfahrungen bestätigt, sollte das BGE eigentlich schon gestern eingeführt sein! Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg und hoffe, dass die Bewegung tatsächlich in den Bundestag gewählt wird! Alles Liebe, Raphael (facebook)

    AntwortenLöschen