Donnerstag, 14. April 2016

Schattenkämpfe


Ich habe die Diskussion um Glyphosat als einen Schattenkampf bezeichnet und deswegen auf einer abstrakten Ebene mit Pegida verglichen. Mit einem Schattenkampf meine ich folgendes, ein Aufregungspotential auf einem Nebenschauplatz, dass die Aufmerksamkeit bindet und den eigentlichen Gegner gar nicht erreicht.

Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Zum Beispiel das Interesse, von einem anderen Thema abzulenken. Wenn die Zeitungen gefüllt sind mit Berichten über eine "Flüchtlingskrise" oder Vorkommnisse der Silvesternacht in Köln, dann gehen andere Themen unter. Ich erinnere gerne noch mal an Rainer Mausfeld und "Warum schweigen die Lämmer?". In der Diskussion im Anschluss an diesen Vortrag, ebenfalls bei YouTube veröffentlicht, sagt Herr Mausfeld allerdings auch, dass er nicht denkt, dass es irgendwo die böse Spinne im Netz gibt. Ich teile die Auffassung, dass es kein personifiziertes Böses gibt, dass man konkret bekämpfen könnte. Vielmehr denke ich, dass es systemisch bedingte Probleme gibt. Und dass ist dann auch der zweite Punkt der zu Schattenkämpfen führt. Die Aggression, die Ohnmacht, der Wille zur Veränderung ist zwar da, aber es lässt sich kein konkreter Gegner ausmachen.

Ich möchte versuchen das am Beispiel der Nahrungsmittel zu erläutern. "Du bist, was du ißt." Dem stimme ich biologisch vollkommen zu und auch metaphorisch hat Nahrung, die wir ja in unseren Körper aufnehmen und auch zum Leben brauchen, ein gewaltiges Potential. So weit, so wichtig. Andererseits scheint es mir erstaunlich vielen Menschen, vor allem in Deutschland, erstaunlich egal zu sein, WAS sie essen. Hauptsache billig und lecker (was auch immer damit gemeint ist). Das Pestizide schlecht sind, ist eine Binsenweisheit, dafür brauche ich keine Studie mit krebskranken Nagetieren durch Glyphosat. Aber es ist eben sehr viel einfacher bei einer Umfrage zu sagen, dass man keine krebserregenden Stoffe im Essen haben möchte, als in einem Bioladen einkaufen zu gehen. Und wer denkt das Brötchen von der Backfaktory oder ähnlichen ein gesundes Lebensmittel sind, Bitteschön. Die Glyphosatrückstände erscheinen mir da nicht das Hauptproblem.

Aber wo liegt das? Schwer zu sagen. Was der Bauer nicht kennt, dass isst er nicht... Wer weiß schon noch was er isst? Kaum jemand lebt hier von unverarbeiteten Nahrungsmitteln. Und selbst die rohe Paprika im Gemüseregal wurde in einer industriellen Landwirtschaft hergestellt. Außerdem wird unglaublich viel weg geschmissen, an allen Stationen der Lebensmittel. Das ist natürlich nicht alles, aber dabei wird es schnell sehr komplex. Da geht es dann um Nahrungsmittelspekulationen,  Hungerkrisen, Klimawandel, Massentierhaltung und Fleischindustrie, Antibiotika, TTIP, Bauernsubventionen in der EU... Ein riesiges Geflecht an Zusammenhängen, mit vielen ethischen und moralischen Fragwürdigkeiten, und letztlich geht es um die Ernährung der Menschen, viel existentieller könnte es kaum sein. Ansetzen könnte man an fast allem, für mich gibt es nicht eine universelle Heillösung.

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